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Ich war als Menschenrechtsbeobachter des Weltkirchenrates in Palästina tätig (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel/EAPPI; siehe www.eappi.org). Ich berichte von meinen Erfahrungen und Eindrücken in diesem Blog. Das Video von Anne Skaardal stellt die Situation eindrücklich dar. Sie beschreibt die Arbeit von EAPPI. Mehr von Anne:
http://anneskaardal.wordpress.com.
Sollten Sie Ihre Meinung zu meinen Erlebnisberichten mitteilen wollen, benutzen Sie bitte das Gästebuch oder das Kontaktformular.
Weblog:
Mittwoch, 7. Dezember 2011 - 16:17 Uhr
Auf Wiedersehen Palästina!
7. Dezember 2011:
Der 3-monatige Einsatz ist zu Ende. Es war für mich eine eindrückliche Zeit. Ich habe viel über die Situation in Palästina und Israel gelernt. Ich habe viele herzliche Menschen kennengelernt, die unwürdigen Situationen im besetzten Gebiet ausgesetzt sind. Und die trotz allem die Hoffnung auf Veränderungen nicht aufgegeben haben. Wie würde ich wohl reagieren, wenn ich in einer solchen Situation leben müsste? Ich kehre nachdenklich zurück.
Ich habe über einzelne Erlebnisse in diesem Blog berichtet. Er ist während meinem Aufenthalt fast 10'000 Mal besucht worden! Herzlichen Dank für euer/Ihr Interesse, das mich sehr gefreut hat. Wenn es mir gelungen ist den Einen oder Anderen Anstösse zu geben über die Situation in Israel und Palästina nachzudenken, so freut mich das. Was ziehen wir für Folgerungen?
Palästina ist auch spannend zum Reisen. Man braucht keine Angst zu haben. Es ist viel sicherer als man sich das bei uns vorstellt. Wer Authentizität und Herzlichkeit liebt wird eine interessante Zeit erleben.
Über meine Tätigkeit werden nächstens Artikel in der NZZ und im PS erscheinen. Ebenso werde ich einige Referate halten, deren Termine ich auf meiner Homepage bekanntgeben werde. Wenn es unter den BesucherInnen meines Blogs VertreterInnen von Organisationen hat, die interessiert sind, dass ich bei ihnen vor Ort berichte, so bin ich für Kontakte offen.
Ich werde auf meiner Homepage auch Fotos von meiner Zeit in Palästina und Israel aufschalten. Da ich auf die Unterstützung meines Webmasters angewiesen bin und dieser sehr beschäftigt ist, wird es noch eine Weile dauern! Hoffentlich werden wir im Januar 2012 so weit sein.
Auf bald? Herzlich
Ueli Schwarzmann
Dienstag, 6. Dezember 2011 - 19:43 Uhr
Gaza - ein Trauma

6. Dezember:
Heute fahren wir nach Sderot, einer Kleinstadt in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen. Wir begegnen dort Nomika Zion (Foto mit Gaza im Hintergrund von Ekki Drost) von Other Voices, einer Basisorganisation, wo JüdInnen, ChristInnen und PalästinenserInnen aus Sderot und dem Gazastreifen sich für einen Dialog unter schwierigen Bedingungen einsetzen. Die zwei Stunden, die wir mit dieser engagierten jüdischen Frau verbringen, gehören zu den eindrücklichen, die ich hier erlebt habe. Ihre engagierte und emotionale Art über Gaza, die polarisierte israelische Gesellschaft, die rechtsextreme Politik der aktuellen Regierung und die korrupten Führer der Hamas zu erzählen geht unter die Haut. Nomika hat 2009 den Niarchos Prize for Survivorship für ihr Engagement in Sderot und Gaza in New York erhalten. Auf You Tube ist ihre Rede, die sie anlässlich der Preisverleihung gehalten hat, aufgeschaltet.
Nomika lebt seit 25 Jahren in einem sog. urban kibbutz, das sie mitgegründet hat, hier in Sderot. Die urban kibbutzim ist eine soziale Bewegung, die ein neues soziales Lebensmodell in verschiedenen Städten Israels schaffen und damit experimentieren will. Bis 1987 gab es noch offene Grenzen zwischen Sderot und Israel. In Sderot gab es einen Arabischen Markt, man kannte viele Menschen aus Gaza und es entwickelten sich auch Freundschaften - trotz der Besetzung. 1987 gab es die 1. Intifada, wo diese Situation endete. Bei der 2. Intifada im Jahr 2000 wurde die Mauer gebaut und Land zu Pufferzonen erklärt, auf dem palästinensische Häuser abgerissen wurden.
In den letzten 10 Jahren ist das Leben extrem schwierig geworden. 2001 schossen Palästinenser aus Gaza Raketen auf Sderot. Zuerst gab es fast keine Treffer, mit der Zeit wurden die Rakten stärker und zielsicherer. 2005 verliess Israel Gaza, aber kontrollierte es auf eine andere Art. Gaza wurde hermetisch abgeschlossen. Nomika sagt 1.5 Millionen Menschen leben im Gazastreifen auf engem Raum praktisch wie in einem Gefängnis! Sie leiden enorm. Hamas wurde mächtiger und mächtiger. Die Raketen flogen auch auf andere weiterliegende israelische Städte. Es ist einfacher einen 3-wöchigen Krieg zu überleben, als eine Situation in der permanente Unsicherheit herrscht. Hier weiss man nie wann die nächste Rakete kommt, erzählt sie. Die Unsicherheit bringe Angst, Stress und schliesslich ein Trauma mit sich. "Wir sind alle traumatisiert!" Die Unsicherheit beherrscht jeden Moment im eigenen Leben. Schaffen es die Kinder in den Kindergarten? Kann ich jetzt einkaufen gehen? Der Blick wendet sich zum Himmel. Sind Raketen in Sicht? Ungefähr 20 % der Bevölkerung hat Sderot auf Grund dieser belastenden Situation verlassen. Die Regierung hat neue Schutzräume geschaffen. Während 6 Monaten jeden Tag Raketen! Zusammengezählt haben die Menschen wohl Jahre in Schutzräume verbracht, meint Nonika.
Kann es eine Lösung geben? Eine Gruppe BewohnerInnen aus Sderot sah die Lösung nicht in der immer rechtsextrem werdenden Politik, sondern wollten mit ihrer "anderen Stimme" eine andere Haltung vertreten. Rache führe zu mehr Eskalation, das kann nicht die Lösung sei. Gewaltfreiheit und nicht Gewalt müsse das Ziel sein, so Other Voices. Israel müsse Verhandlungen mit Hamas führen, Vereinbarungen abschliessen und Dialoge führen. Menschen in der israelischen Gesellschaft werden Kriegs süchtig, ist Nonika überzeugt. Other Voices nahm Kontakte auf mit Menschen aus Gaza - via Natel, das war die einzige Möglichkeit. Da war ja die Mauer, Gaza ist hermetisch abgeschlossen. Man suchte die alten Beziehungen wieder zu aktivieren, ein Kontakt führte zu anderen Kontakten. Und im Gaza Gebiet gab es ebensolche Menschen, die ähnlich dachten und die gegen die korrupten Hamasführer waren. Bei Hanukka kamen Gruppen von BürgerInnen von Sderot mit Kerzen an die Grenze von Gaza. Licht ins Dunkle bringen!
Nonika erzählt, dass Israel die Empathie verloren habe die Palästinenser als menschliche Wesen zu sehen. Sie sagt: "wenn du die Empathie verlierst, so verlierst du einen Teil an Humanität". Kriege verschmutzen deine Seele und dein Herz, führt sie weiter aus. Sie schildert die Wohltat, die der Waffenstillstand im Juni 2008 gebracht hat; er hätte leider nur 6 Monate gedauert. Die israelische Armee tötete nach einem kleinen Zwischenfall 10 Militante in Gaza. Weitere Opfer wurden Kinder und Alte in diesem Krieg. Im Februar 2011 organisierte sie einen Konferenz in Sderot mit Menschen aus Gaza und ihrer Stadt. Die Teilnehmenden aus Gaza erhielten mit allerlei Argumenten die Bewilligung für vier Tage nach Sderot zu kommen. Das war ein wichtiges Erlebnis. Die Menschen aus Other Voices sind in der israelischen Gesellschaft am Rand. Sie müssen sehr mutig sein, denn sie werden angefeindet.
Hat Nomika Hoffnung? In die israelische Regierung und Politik nein. Hier findet ein permanenter Demokratieabbau ab. Sie braucht den Begriff faschistoid. Ihre einzige Hoffnung ist, dass internationaler Druck auf die israelische Regierung und Hamas etwas bewirken könnte, damit Versöhnung und Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinenser im Gazastreifen doch noch einmal möglich werden sollte. Trotz aller Verletzungen.
Freitag, 2. Dezember 2011 - 19:32 Uhr
Jihad - entlassener Hamas Kämpfer nach 22 Jahren

2. Dezember:
Im Blogeintrag vom 19. Oktober habe ich vom Gefangenenaustausch berichtet. Der israelische Soldat Gilad Shalit wurde gegen 1027 palästinensische Gefangene ausgetauscht. Einer der Gefangenen wohnt in Akraba, der Kleinstadt in der Nähe von Yanoun. Ich habe damals geschrieben, dass wir versuchen werden, diesen Ex-Gefangenen zu interviewen, da Ghassan, unser Fahrer und Übersetzer, mit ihm die Schule besucht hat. Ghassan, freundlich wie er ist, hat dieses Treffen heute arrangiert. Zwar nicht gerne, wie er sagte, er habe mit Hamas nichts am Hut. Die befürworten Gewalt und seien vom Iran unterstützt. Aber er mache es für uns!
Jihad, wie der ehemalige Hamas-Kämpfer heisst, ist 43-jährig und hat 22 Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht. Vor drei Wochen hat er eine junge Frau geheiratet. Single zu sein ist in dieser Gesellschaft kein begehrenswerter Status! Jihad empfängt uns im Haus seiner Familie. Wir sitzen im schönen Wohnzimmer in mitten verschiedener Brüder und einem Neffen, der an der An-Naja Universität in Nablus Englisch studiert. Jihad legt Wert darauf, dass der Dolmetscher aus seiner Familie kommt. Es gibt Fruchtsäfte und Süssigkeiten.
Das Gespräch beginnt mit dem üblichen Höflichkeitsaustausch. Er dankt uns für unseren Einsatz in Palästina. Wir gratulieren ihm zur Heirat und wünschen ihm und seiner Frau viel Glück und Freude. Natürlich hätte ich gerne seine Frau gesehen. Die ist nicht präsent. Eine Sache für Männer mit der Ausnahme der ausländischen Frauen, die anwesend sein dürfen. Ghassan hat uns instruiert Jihad nicht nach seinen Delikten zu befragen. Alle sind zwar bestens orientiert, was passiert ist. Jihad hatte zwei Palästinenser getötet, die offenbar Spitzel für die Israelis waren.
Wir interessieren uns als Erstes für seinen Gefängnisaufenthalt. Er sei in einer ersten Phase befragt worden, die Israelis hätten Informationen von ihm gewollt. Nach seinen Aussagen ist er wiederholt geschlagen worden. Nur ausgewählte Familienmitglieder haben ihn besuchen dürfen. Es gab Phasen, wo er 2 x im Monat Besuch hatte. Einmal durfte er während 6 Monaten keinen Besuch erhalten. Und während der 2. Intifada durfte er während 2 Jahren keinen Besuch erhalten. Er wurde immer wieder in andere Gefängnis versetzt. Er sei in 12 Gefängnissen gewesen. Die Familie hätte dann immer wieder herausfinden müssen, wo er verlegt worden sei und hätten Besuche beantragen müssen.
Was war ihm erlaubt in diesem langen Gefängnisaufenthalt zu machen? Er hätte ein Fernstudium an der Hebrew Universität machen können, er wollte aber Arabische Studien belegen, was ihm nicht erlaubt wurde. Er habe viel gelesen. Das Angebot in den Bibliotheken sei zwar bescheiden gewesen, aber er hätte immer wieder Bücher gefunden. Der Glaube habe ihm in dieser Zeit viel geholfen. Er hätte den Koran und theologische Bücher studiert und auch viel gebetet.
Wie hat er vom Gefangenaustausch vernommen? Er habe das auch im Fernsehen gehört. Lediglich zwei Wochen vor der Freilassung wusste er, dass er auf der Liste sei. Das sei eine freudige Überraschung gewesen. Alle Gefangenen hätten gehofft, dass sie freigelassen würden. Viele sind enttäuscht worden, da sie nicht auf der Liste standen.
Wir wollten natürlich von Jihad wissen, wie es ist nach 22 Jahren wieder zu Hause zu sein. Für ihn sei es am Anfang wie ein Traum gewesen. Er habe es lange nicht glauben können, dass er frei sei. Er habe festgestellt, dass sich nach 22 Jahren alles geändert habe: die Strassen, die Gebäude, die Menschen, Meinungen usw. Viele Menschen und die Familie hätten ihm geholfen sich zurechtzufinden. Und natürlich seine Frau. Er glaube nicht mehr an eine Partei. Er glaube vielmehr an seine Nation, an Palästina.
Dann näherten wir uns der Politik. Wie sieht er die Lage? Er meint, dass Hauptproblem sei die Siedlungspolitik von Israel. Auch die ökonomische Situation in Palästina sei gravierend. Israel sei unfair gegenüber Palästina. Seine Leute leiden. Er sei aber überzeugt, dass jede Besetzung zu einem Ende komme, auch diejenige von Israel. Friede sei wichtig. Was sagt er dazu, dass Fatah und Hamas immer noch Konflikte haben? Er findet das nicht gut. Aber er ist überzeugt, dass diese überwunden werden. Es komme dazu, dass Israel und die USA diese Konflikte aus politischen Gründen emporstilisieren. Mehr wollte er dazu nicht sagen. Wir wollten aber wissen, ob er den Einsatz von Gewalt im Kampf weiterhin befürworte. Er drückt sich diplomatisch aus und meint, er wolle keine Gewalt. Gewalt ist nicht gut. Aber die Palästinenser haben das Recht sich zu verteidigen. Konkreter wollte er nicht werden.
Ich frage ihn, wie er zur 2. Initifada stehe. Es gibt recht viele Palästinenser, die die 2. Initifada als grossen Fehler beurteilen. Sie hätte ihnen nichts gerbracht. Im Gegenteil: Vieles sei schlimmer geworden. Jihad wirkt nachdenklich. Dann sagt er, er ziehe es vor diese Frage nicht zu beantworten. Wir wissen den Grund nicht, warum er nicht antworten wollte. Ghassan vermutet, dass er bei der Entlassung eine Bestätigung für die israelische Behörde unterschreiben musste, dass er sich nicht exponieren dürfe. Er wisse ja nicht, ob seine Meinungsäusserung veröffentlicht werde. Schlussendlich fragen wir ihm, was er uns für eine Botschaft mitgeben wolle. Er sagt, Israel solle die vielen palästinensischen Gefangenen freilassen, sie hätten gelitten, es sei genug. Viele von ihnen hätten keine Verbrechen begangen. Es müsse ihnen geholfen werden.
Jihad ist ein freundlicher Mann. Er spricht leise und konzentriert. Er ist klein und feingliedrig. Es ist schwierig sich ihn als ehemaligen Kämpfer der Hamas vorzustellen, der Menschen getötet hat. Hat ihn die lange Zeit verändert, nachdenklich gemacht, oder passt er sich an? Wir wissen es nicht. Und ich werde es wohl nie erfahren. Aber hier in Akraba und Umgebung wird Jihad beobachtet. Als er zurückkehrte wurde er wie ein Held gefeiert. Obwohl viele der EinwohnerInnen mit Hamas nichts am Hut haben.
Mittwoch, 30. November 2011 - 09:11 Uhr
Nablus - eine pulsierende Stadt

30. November:
Meine letzten zwei Freitage verbringe ich in Nablus, einer pulsierenden Stadt im Norden der Westbank. Nablus hat rund 140'000 EinwohnerInnen und zwängt sich zwischen dem 940 m hohen Berg Ebal im Norden und den mit 881 m nur unwesentlich niedrigerem geratenen Arizim im Süden, die beide ziemlich steil aufragen. Da im Tal nicht mehr genügend Platz ist, werden die Häuser die Hänge hinauf gebaut. Die Stadt hat eine reiche Tradition. Die Altstadt kann durchaus mit jener von Jerusalem standhalten. Stolz ist die Stadt auch auf den modernen Campus der Universität (Foto), von dem man eine schöne Sicht auf das darunterliegende Zentrum von Nablus hat.
Nablus spielte eine wichtige Rolle im Aufstand gegen Israel während der 2. Intifada, und war bis vor wenigen Jahren schwierig erreichbar, da sie unter Kontrolle der Armee war. Die Checkpoints sind jetzt kaum mehr besetzt und der Verkehr verläuft in der Regel flüssig. Die Sicherheit ist gewährleistet.
Nablus ist für Juden und Christen eine wichtige Stadt. Hier ist das Grab Josephs, ein heiliger Ort für Juden, die mit Militärbegleitung diesen Ort besuchen kommen. Weniger dramatisch geht es beim Jakobsbrunnen, einer christlichen Gedenkstätte, zu und her. Hier soll Jesus der Samaritanerin begegnet sein. Eine eindrucksvolle russisch-orthodoxe Kirche steht hier, wo christliche PilgerInnen, wie ich beobachten kann, gerne ihren Kopf ins geweihte Wasser tauchen.
Heute wollte ich zuerst das Dorf der Samaritaner auf dem Berg Garizim, das 500 m höher als Nablus liegt, besuchen. Das Taxi führt mich dorthin. Man muss einen Checkpoint passieren. Das ist hier unproblematisch. Der eine junge Soldat spielt mit einem jungen Hund. Der andere junge Soldat schaut meinen Pass an, auf dem steht "Swiss passport" und frägt dann "Where are you from?". Nachdem ich die Frage beantwortet habe, nickt er freundlich und lässt mich ohne weitere Fragen ins Dorf. Die Aussicht von hier oben auf Nablus bis nach Jordanien ist eindrucksvoll.
Die Samaritaner haben sich von der Hauptrichtung des Judentums gelöst, weil sie nur die Tora, also die Fünf Bücher Mose, in ihrer Version anerkennen. Nach samaritanischer Interpretation hatte Abraham seinen Sohn Isaak hier opfern wollen und dann angeordnet auf dem Berg Garizim Dankopfer darzubringen. Im Dorf leben ungefähr 600 Menschen, unweit von Tel Aviv ist ein weiteres Dorf von Samaritaner. Die Samaritaner in Nablus haben vor wenigen Jahren das Staatsbürgerrecht von Israel erhalten - sie sind ja Juden - und haben gleichzeitig die Identitätskarte von Palästina. Sie sprechen vorwiegend arabisch, können aber auch hebräisch. Bei meinem Besuch habe ich mit zwei Samaritaner gesprochen. Sie finden das Zusammenleben mit den Muslimen und Christen unproblematisch. Auf den Konflikt Israel und Palästina angesprochen, sagen sie dezidiert, sie seien für den Frieden. Die Politiker sollten zu ihnen ins Dorf kommen, um zu sehen, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen verschiedenen Gruppen möglich sei. Dazu brauche es keine Soldaten und Waffen!
Der Souk in der Altstadt ist bunt, ein lärmiges Treiben herrscht hier, man bietet alles feil, von Seifen zu Früchten, Kleider, Möbel. Für uns, die aus dem Westen kommen, ist das ja immer wieder beeindruckend. Die Leute hier sind ausgesprochen hilfreich und freundlich. Als Tourist hier zu sein ist ein ausserordentlich angenehmes Erlebnis. Kommt man ins Gespräch mit den Menschen heisst es immer wieder "Welcome to Palestine".
Nablus ist auch bekannt für seine Hammams. Der Hammam AshShifa, ein altes türkisches Bad aus dem 17. Jahrhundert, ist immer noch in Betrieb und ist mir ein Besuch wert. Ab 18 Uhr ist der Hammam offen für Männer. Der junge Mann an der Récéption erklärt mir auf Englisch, wie der Ablauf ist. Waschen, Haut mit Seife und Bürste behandeln. Dann Sauna, dann türkisches Bad und am Schluss Massage und Ruheraum. Ich buche eine Massage. Alles kostet rund 12 Franken. Und ich mache mich auf den Weg.
Bei uns geht es in der Regel ruhig zu in einer Sauna. Hier herrscht eine rege Atmosphäre. Die Männer diskutieren und lachen. Ein Mann schüttelt mir die Hand und fängt an zu sprechen. Er ist enttäuscht, dass ich nicht Arabisch spreche, sein Englisch ist dürftig. So kommen wir nicht weit. Man zieht sich zum Duschen rsp. zum Waschen hinter einen Vorgang zurück und zeigt sich nicht nackt. Dafür gibt es ein spezielles Lendentuch, das der Réceptionist mir mit der Bemerkung übergeben hat: "this you can put over your stuff". Irgendwann befinde ich es sei an der Zeit für die Massage. Der Hammam liegt ja inmitten des Souks und der ist am Abend ausgestorben. Es ist mir ein bisschen unheimlich in der Nacht im Souk herumzuirren. Also will ich mich beeilen. Der Réceptionist frägt mich, ob ich je 3 x in der Sauna und im Türkisch Bad war, was ich verneine. Er macht mich auf die mangelnde Wirksamkeit aufmerksam und schickt mich für weitere 20 Minuten zurück. Er komme mich dann für die Massage holen! Da gibt es keine Widerrede, ich beuge mich dieser Anweisung und geniesse die Zeit, umsomehr, da ich jetzt einen Saunakollegen gefunden habe, der Englisch spricht, und wir uns gut unterhalten können. Nach geraumer Zeit kommt der Réceptionist, um mich zu holen. Es stellt sich heraus, dass er auch der Masseur ist. Nach irgendwelchen Bewegungen, die er mit meinen Armen ausführt und Knochen knacken hört, frägt er mich wie alt ich sei. Mit meiner Antwort ist er zufrieden und sagt "very good"! Was immer das bedeuten mag. Ich habe die Massage genossen. Fremde Länder, fremde Sitten. Der Ruheraum ist eine Art Cafeteria mit Fernsehen. Ein Mann kniet auf einem Teppich und betet. Andere Männer, die nicht so gläubig sind, unterhalten sich und trinken Tee.
Erstaunlicherweise finde ich mich aus dem Labyrinth des Souks problemlos zurück ins Zentrum, wo ich mir in einem guten Restaurant ein feines Essen genehmige.
Samstag, 26. November 2011 - 20:10 Uhr
Endspurt

26. November 2011
Bald geht mein Einsatz zu Ende. Es heisst Abschied zu nehmen, Arbeiten zu beenden und die Übergabe an das neue Team 42 zu organisieren. Das neue Team kommt heute für eine 3-tägige Einführung nach Yanoun (siehe Bild) um dann wieder in das Training nach Jerusalem zu gehen. Am 5. Dezember ist sog. Handover in Jerusalem. Und für das neue Team heisst es für 3 Monate nach Yanoun zu gehen, hier zu leben und zu wirken. Das Nachfolgeteam besteht wieder aus 5 Personen, die aus Schweden, Holland, Norwegen, Kanada und Brasilien kommen. Drei Frauen und zwei Männer. Die Jüngste ist 26, der Älteste 68 Jahre alt.
Wir werden noch ein paar sog. Closing Days in Jerusalem haben. Auf den 6. Dezember freue ich mich besonders. Wir werden eine Exkursion nach Sderot, eine Stadt in nächster Nähe zum Gazastreifen machen, um Mitglieder der Organisation "Other Voices" zu treffen. Juden, Muslime und Christen aus Israel und dem Gazastreifen, die den Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen fördern, und die sich für den Frieden und die Beendigung der Besetzung durch Israel einsetzen. Ich werde einen Beitrag im Blog darüber schreiben.
Jetzt ist auch Zeit für die Evaluation. Was haben wir bewirkt, was haben wir gelernt, was haben wir geleistet? Ich habe in den drei Monaten die Situation im besetzten Palästina hautnahe erlebt, mit vielen Menschen gesprochen, vom einfachen Schafshirten, Bauern, Universitätsprofessor bis zum Ministerpräsidenten von der Palästinensischen Autonomiebehörde. Wir waren bei vielen Menschen zu Besuch, haben ihre Geschichten gehört, ihr tägliches Leben miterlebt, haben viele unwürdige Situationen und Menschenrechtsverletzungen gesehen, dokumentiert und rapportiert. Wir haben gearbeitet. Und wir haben vor allem persönlich viel gelernt. Und wir sind alle fest überzeugt, dass diese Besetzung durch Israel beendet werden muss. Der Weltkirchenrat erwartet von uns Öffentlichkeitsarbeit und Lobby für dieses Ziel.
Was haben wir bewirkt? Unmittelbar wohl nicht viel. Wobei die Präsenz der Internationalen für Israelis und Palästinenser die Botschaft ist, dass die Welt auf dieses Gebiet schaut und zur Kenntnis nimmt, was hier passiert. Vielleicht mag da oder dort unsere Präsenz eine Handlung durch Armee und Siedler verhindert haben. Vielleicht. Die Präsenz der MenschenrechtsbeobachterInnen wirkt aber in dem Sinne, dass viele Palästinenser wissen, dass ihr Leiden an der Besetzung durch uns in vielen Ländern erzählt wird. Dadurch werden - hoffentlich - viele Menschen den Nahostkonflikt differenzierter verfolgen und sich eine Meinung bilden. Dies gibt vielen Palästinenser Hoffnung. Das wurde uns in vielen Begegnungen immer wieder gesagt. Ohne diese Hoffnung wäre die Situation wohl schlimmer.
Ich würde kürzlich von einem Palästinenser gefragt, ob ich mich freue wieder nach Hause zu gehen. Ja, ich freue mich. Ich freue mich auf meine Familie und Freunde. Aber ich freue mich nicht Palästina zu verlassen.